Neue Nähe Hackathon Teil 4: Sonntag, 03.07.2017: Das Finale!

Dieser Tag begann früher als der erste. Wir packten unsere Sachen zusammen und machten uns ohne Frühstück auf den Weg zum Hackathon. dafür gab es dort kleine leckere Croissances und gebackenes Schneckenförmige Gebäck mit Obstfüllung! Die Teams bereiteten alles für ihre Präsentationen vor. Jedes Gruppe hatte insgesamt fünf Minuten Zeit, um das Produkt kurz vorzustellen. Ich war aufgeregt, schließlich war ich nicht bei allen Vorstellungen der Produkte gestern Abend dabei gewesen und kannte deshalb viele nicht.

Es waren insgesamt 12 Projektgruppen, die sich vorstellten. Ein Teilnehmer hatte sogar alleine gearbeitet. Drei Projekte drehten sich um die Verwendung von Haushaltsgeräten mit Touchscreen, inspiriert an den Vortrag von Bahaddin. Wir konnten also ziemlich viel Kaffee trinken 🙂

 

Ein anderes, sehr interessantes Projekt, war die Möglichkeit, mit Sonar Produkte beim Einkaufen zu erkennen. Ein weiteres Projekt, einen Notruf abzusetzen für alle Formen der Behinderung möglich zu machen.

Es waren so viele interessante Ideen an nur einem Wochenende entstanden! Ich war ganz baff und glücklich! Auch, wenn ich selbst, wie ich wahrscheinlich tausendmal an diesem Wochenende betonte, nicht programmieren kann, so bin ich eine betroffene, für die durch die Weiterentwicklung dieser Produkte so vieles erleichtert werden könnte!

 

Nach den Präsentationen gab es eine Pause, in der sich die Jurymitglieder berieten. Ich wollte diese Gelegenheit nutzen, um das Einkaufsprojekt zu testen. Als ich gerade dabei war, es mir genauer anzusehen, tauchte plötzlich Marco auf. Er fragte, ob ich kurz mitkommen könne. Als ich mich nach dem Grund erkundigte, teilte er mir mit, dass ich in die Jury aufgenommen worden war. Ich war so überrascht, freute mich aber riesig darüber! Er begründetet es damit, dass ich keine Programmierkänntnise hätte und das ein Vorteil wäre, da ich unparteiisch sei und nicht an der Entstehung der Produkte mitgearbeitet hatte. Also hat es doch etwas Gutes, an einem Hackathon keine Programmierkentnisse zu haben.

Wir gingen in einen anderen Raum, wo auch schon die anderen Jury Mitglieder saßen. Unter anderem Tom-Flo, der heute ein neues Namensschild, Stephanie, trug, Ulli und Alexandra von der Aktion Mensch, eine weitere Frau namens Uli, eine Bekannte von Marco, die ebenfalls stark an der Organisation beteiligt war,

Andreas Costrau der Gebärdensprachler. Da andere seine Sprache nicht beherrschen, hat er stets Dolmetscher für Laut und Gebärdensprache dabei.

Dennis, der vom Hals abwärts gelähmt ist, seine Mutter und andere, die ich nicht kannte. Wir alle sollten nun entscheiden, welche drei Teams den Hackathon gewinnen. Die Wahl fiel wirklich unsagbar schwer, denn es waren einfach zu viele tolle Projekte. Wir einigten uns schließlich, nach dem jedes Jurymitglied drei Favoriten abgegeben hatte. Die Siegerehrung konnte beginnen!

 

Bei der Siegerehrung war der Pressesprecher der Aktion Mensch anwesend, um diese zu moderieren.

Dennis wurde zuerst auf die Bühne geholt.

Florian und er hatten während des Hackathon zuerst die Sprachsteuerung der HoloLens getestet und später noch einen externen Klicker, um den Hauptbefehl „Select“ ausführen zu können. Dafür wurde der Klicker unter seinen Ellbogen gelegt, sodass es ihm möglich war, das Klicken über seine Schulter aus zu führen.

Das klappte sehr gut.

Da Dennis vom Hals abwärts gelähmt ist, kann er nur seinen Kopf und die Schultern bewegen. Den Computer bedient er mit einer Mundmaus. Das ist wie ein Joystick der sich mit dem Mund bedienen lässt. Über Saug- und Blasfunktionen kann er dann die Klicks oder andere Tastaturbefehle auslösen. Dafür hat das Mundstück drei Löcher. Die Belegung ist nicht festgesetzt und kann nach den individuellen Bedürfnissen angepasst werden. Dennis schreibt meistens mit Hilfe einer Bildschirmtastatur mit Wortvorschlägen. Nur bei großen Texten verwendet er eine Spracherkennung.

 

Schließlich wurden die Gewinner bekannt gegeben: Den dritten Platz belegte „GreenDrop“, eine Anwendung, die es ermöglicht, mit Diagrammen beispielsweise einen Skypeanruf zu tätigen oder das E-Mail-Programm zu starten.

Den zweiten Platz belegte das Multi-inklusionstool für automatische Notruf und Hausautomatisierung. Dies ermöglicht es für alle Behinderungsgruppen, notrufe abzusetzen.

 

Den ersten Platz belegte „Birne 7.0“, bestehend aus sieben Mitgliedern, die es sich zur Aufgabe machen wollen, eine Website zu kreieren, die Menschen mit Behinderungen und Programmierer zusammenbringen soll. Es war das Projekt, an dem ich auch ein wenig mitgearbeitet hatte.

Alle Infos zu den einzelnen Projekten mit genauer Beschreibung findet ihr hier

 

Nach der Siegerehrung wurden noch Fotos mit den Gewinnern geschossen. Es ist wirklich großartig, was Menschen an einem Wochenende alles erreichen können! Und noch besser ist es, dass sie es für Barrierefreiheit für alle tun!

 

Dann war es leider Zeit, sich zu verabschieden. Mit einigen, die ich während der Veranstaltung kennenlernte, hielt ich weiter über Facebook kontakt.

Ich nahm Flos Angebot an, mich nach Hause zu fahren. Er hätte mich zwar auch einfach in den Regionalzug in Nürnberg setzen können, aber so kam ich noch mal in den Genuss, Elektroauto zu fahren. Wir nahmen auch Andreas mit.

Flo, Andreas und ich saßen im Auto und unterhielten uns. Andreas ist es möglich zu sprechen und er kann von den Lippen ablesen. Deshalb ist es ihm sehr wichtig, NICHT als „Taubstumm“ bezeichnet zu werden! Plötzlich klingelte mein handy. Es war Alexandra, die mir mitteilte, dass ich meinen Rucksack beim Veranstaltungsort vergessen hatte! Oh nein war mir das peinlich! Andreas aber meinte gelassen: „Die Menschen vergessen so oft an Barrierefreiheit zu denken, da macht es nichts, wenn auch wir mal etwas vergessen.“ Dieser Satz gefiel mir und die Situation wurde weniger unangenehm. Also machten wir uns wieder auf den Weg und holten meine Tasche und fuhren dann endlich nach Nürnberg zum Hauptbahnhof. Flo erzählte mir, dass es in Nürnberg automatisch fahrende U-Bahnen gibt.

Noch nie hatte ich in Nürnberg die U-Bahn genutzt und da Andreas sowieso damit fahren musste, beschlossen wir, ihn eine Station zu begleiten.

Da wir durch meinen Schwerbehindertenausweis kostenlos fahren konnten, war das kein Problem. Florian erzählte, dass er leidenschaftlich gern U-Bahn fährt und ich fand, dass dies eine gute Möglichkeit war, mich für den Umweg, den er extra meinetwegen machen musste, zu revanchieren. Wir machten es also genauso wie geplant, fuhren eine U-Bahnstation mit Andreas, dann wieder zurück und anschließend mit dem Auto zu Flos Oma. Wir wurden herzlich empfangen und ich entschuldigte mich ausführlich für unser zu spät kommen. Sie erklärte mir, dass sie das schon gewohnt sei und dann gab es einen leckeren Kirschkuchen und Kaffee. Normalerweise mochte ich keinen Kaffee, aber aus Höflichkeit trank ich einen mit. Der Kuchen war so lecker. Nach einer Weile verabschiedeten wir uns wieder und fuhren zur nächsten Ladestation. Ich bot Flo an, bei uns zu übernachten, da er am nächsten Morgen wieder zu Microsoft musste. und mein zu Hause kürzer davon entfernt war, als seines. Er zögerte kurz, fand aber die Idee dann doch ganz praktisch . Ich rief meine Eltern an, um ihnen bescheid zu sagen. Meine Mutter war, glaube ich, erst ein wenig skeptisch, aber nach dem ich ihr erzählte, dass er mich extra nach Hause fuhr, sagte sie dann doch, dass es ginge. Nach dem Gespräch war Flo sich nicht sicher, aber ich beteuerte immer wieder, dass es kein Problem sei. Also fuhren wir noch mal zur nächsten Ladestation, luden das auto 30 Minuten lang auf, vertrieben uns die Wartezeit mit Quizduell spielen und fuhren dann anschließend endlich zu mir nach Hause. Meine Eltern begrüßten uns und mein Vater und Flo unterhielten sich sofort. Meine Mutter richtete für Flo das Gästezimmer im Obergeschoss her. Wir erzählten dann noch ein wenig, was wir bei dem Hackathon erlebt hatten. Meine Eltern konnten sich nämlich nicht wirklich vorstellen, was man dort tat.

Wir sahen uns eine kleine Berichterstattung über den Hackathon an und regten uns ein wenig über die Begrifflichkeiten auf, die verwendet wurden

Die Leute wissen es leider nicht besser…

 

Danach gingen wir nach oben in Flos zimmer und spielten noch ein wenig Sims. Wir mussten ja schließlich unser Haus noch fertig einräumen. Nach einer Weile hörten wir aber wieder auf, da wir beide ziemlich müde waren und Flo morgen um 6:30 aufstehen wollte. Wir würden dann noch zusammen frühstücken, bevor er zu Microsoft fuhr.

 

Mein wecker klingelte also um 6:30. Eine sehr frühe Uhrzeit für einen Morgenmuffel, wie ich es bin.

Ich stand aber auf, denn ich wollte noch kurz Zeit mit Flo verbringen. Mein Vater war natürlich schon wach, nur Flo fehlte… Ich schrieb ihm, ob er schon wach sei. Er antwortete, dass er gleich komme. Das „gleich“ war dann um kurz vor sieben. Wir frühstückten den Kuchen seiner Oma. Anschließend machte Flo sich auf den Weg zu Microsoft. Ein wenig wehmütig war ich schon, dass er wieder zu dem Ort fahren durfte, an dem ich ein halbes Jahr gearbeitet hatte. An dem ich Freunde gefunden hatte. Dort hatte ich gelernt, meine Blindheit zu schätzen und sie sogar als geschenk an zu sehen. Aber es würde auch wieder eine neue Zeit anbrechen, in der ich lernen und mich weiterentwickeln konnte!

 

Ihr seht also, wie viel Aufregung man an einem Wochenende erleben kann. Ich bedanke mich bei allen, die dabei gewesen sind und für alle tollen Projekte, die entstanden, um Barrierefreiheit zu ermöglichen.

Diese drei Tage haben mir so viel über Menschen unterschiedlicher Behinderung beigebracht. Eine wahre Horizonterweiterung!

 

Also, bis zum nächsten Hackathon und wenn ihr nicht so lange warten wollt, bis zum nächsten Blogeintrag! 🙂

 

Neue Nähe Hackathon Teil 3: Samstag, 01.07.2017: Technik, Technik und verschlossene Türen bei Nacht

Tag zwei startete mit einem leckeren Frühstück im Hotel, das für mich aus einem Obstsalat bestand. Morgens esse ich nicht so viel.

Gestärkt machten wir uns wieder auf den Weg zum Veranstaltungsort des Hackathon. Dort waren die Leute bereits fleißig am tüfteln und coden. Wahrscheinlich waren sie noch bis spät in die Nacht auf gewesen, um an Lösungen zu arbeiten! Dieses Engagement ist wirklich großartig!

Ich saß an einem Tisch mit den Leuten vom PICSL Labor und unterhielt mich viel mit Elisabeth. Sie kann nicht lesen und schreiben erzählte mir aber, dass sie, um am Computer in Facebook zu kommunizieren, eine Sprachausgabe nutzt. Das fand ich sehr beeindruckend, da ich irgendwie immer davon ausging, dass die Sprachausgabe nur von blinden und Sehbehinderten Menschen genutzt wird. Es war sehr bereichernd, dieses Gespräch mit ihr zu führen. Dann sprach mich ein Herr im Rollstuhl an. Er ist der Geschäftsführer von ACCESS-IFD, einem Unternehmen, welches sich in Erlangen dafür einsetzt, Menschen mit Behinderung bei der Vermittlung in Arbeit bzw. Praktika zu unterstützen.

Er gab mir einige hilfreiche Tipps, an welche Organisationen ich mich bezüglich Unterstützung zur Jobsuche wenden konnte. Danach ging es zum Mittagessen. Ich unterhielt mich mit einer der Helferinnen des Hackathon. Dann ging es weiter mit drei Fachvorträgen. Diese waren sehr techniklastig, weshalb sie sehr schwer für mich zu beschreiben sind. Im ersten und im zweiten Vortrag wurde jeweils ein Video von der App Seeing AI gezeigt, die von einem blinden App-Entwickler bei Microsoft programmiert wird. Diese hilft im Alltag, z. B. kann sie Schwarzschrifttexte vorlesen und vieles mehr.

 

Nach den Vorträgen hatte ich nicht so viel zu tun, also vertrieb ich mir die Zeit mit Quizduell spielen und unterhielt mich mit ein paar Leuten, die gerade nicht mit programmieren beschäftigt waren. Der Nachteil an fehlenden Programmierkenntnissen ist, dass man nicht versteht, worüber die Programmierer sprechen. Es fühllt sich an, wie in einer fremden Welt zu sein. Nach dem Abendessen begannen die „Stand-ups“, das bedeutet, dass die Teams ihre Projekte kurz vorstellen, wo genau sie gerade mit der Entwicklung standen und wie sie weiter vorgehen wollten. Plötzlich tauchte Florian wieder auf. Ich erkannte ihn an seiner Stimme sofort. Er fand es schade, denn er hatte sich ein Schild mit dem Namen Tom umgehängt. Tatsächlich hätte er mir, sollte ich seine Stimme nicht erkennen, behauptet, er hieße Tom. Aber an meiner Stimm-Erkennungs-Fähigkeit kommt selten jemand vorbei 😉

Flo-Tom und ich setzten uns in eine gemütliche Sofaecke. Er fragte, ob er mein Smartphone ausprobieren dürfe und auch, ob ich Lust hätte, das Windowstablet zu testen.

Er würde dafür „mal eben schnell“ eine App bauen, mit der ich ein bisschen experimentieren könnte. Die Zeit, in der die App entstand, spielte ich weiter Quizduell. Er meinte, dass er das auch mal gespielt hätte. Also bat ich ihn, es sich herunterzuladen, damit wir gegeneinander antreten konnten. Nach dem er die App heruntergeladen hatte, spielte ich mit seinem Handy gegen irgendwelche wildfremden Personen. Da er auch ein Iphone hatte, konnte ich das mit Voiceover spielen. Als er dann die App auf dem Windowstablet fertig gebaut hatte, versuchte ich, etwas in das vorgesehene Textfeld zu schreiben. Leider schaffte ich es nicht mal, die Buchstaben anzutippen. Flo ging es ähnlich und so beschlossen wir, dieses Experiment für gescheitert zu erklären. Dafür war etwas anderes umso erfolgreicher. Flo schaffte es innerhalb einer guten Stunde, eine Nachricht an mich in sein Handy mit Voiceover zu tippen. Es war zugegebenermaßen ganz lustig, ihm dabei zuzusehen. Die Bedienung mit Voiceover und dem Iphone ist nämlich für einen Sehenden ganz anders.

 

Auch wir wurden zu einem der stand-ups dazu geholt.

Es wurden viele Projekte für Menschen mit Seheinschränkung konzipiert. An dem Stand-up an dem wir teilnahmen, waren wieder die Leute von der Website vom Vortag. Wir versuchten gemeinsam einen Namen für das Projekt zu überlegen. Das war gar nicht so einfach. Ich finde das nicht so gut, wenn Produkte immer gleich auf die Art der Behinderung hinweisen. Aber ich glaube, dass der Name, den sich das Team ausdachte, nicht viel oder nur ansatzweise etwas mit Behinderung zu tun hat.

 

Danach spielten Florian und ich noch ein wenig am Computer. „Die Sims 4“ um genau zu sein.

Bisher habe ich nur „Sims 2 und 3“ gespielt. Also noch eine Primiere an diesem Wochenende. Leider kann ich nicht selbst spielen, aber wenn mir jemand erklärt, was gerade passiert, funktioniert das gut.

Und so wurde es kurz vor drei Uhr. Flo bot an, mich ins Hotel zurückzufahren, was ich dankend annahm. Dort wollte ich mit der Zimmerkarte aufsperren, aber es ging nicht. Anscheinend, weil ich die Karte in der Nähe eines Magneten, meinem Handy oder an Geld hatte, sodass sie sich entlud. Flo ging an die Rezeption.

Das war mir sehr unangenehm, erstens für ihn, da er mich hergefahren hatte und jetzt auch noch eine neue Karte besorgen musste und für den Rezeptionisten, der mir zu so später Stunde noch half. Danke an beide!

Dann konnte ich in mein Zimmer und schlafen.

 

 

 

Neue Nähe Hackathon Teil 2: Freitag, 30.06.2017: Emotionale Abschiede und leise Achterbahnfahrten

Es war der letzte Tag meines Praktikums bei Microsoft. Ein sehr emotionaler Moment war für mich, als sich mein Manager von mir verabschiedete. Wahnsinn, wie schnell so ein halbes Jahr vergeht! Es war eine Zeit voller spannender Momente und tollen Begegnungen! Sich jetzt wieder auf etwas unbekanntes einzustellen, ist schon sehr ungewohnt.

Ich schrieb an meinem allerletzten Blogbeitrag für die weltweite Microsoft-community und hatte mal wieder völlig die Zeit vergessen. Marco kam zu uns ins Büro und wollte mich abholen. Ich räumte mir noch eine halbe Stunde ein, da ich noch nicht ganz mit dem Eintrag fertig war. Als er dann noch mal kam, veröffentlichte ich gerade den Blog, war also so gut wie bereit. Schweren Herzens verabschiedete ich mich noch von meiner Kollegin und verließ gemeinsam mit Marco das Office. Wir entwerteten meine Karte und machten uns anschließend auf den Weg zu seinem Auto. Dann ging die Fahrt los.

 

Da Marco eigentlich um 15:00 Uhr bei der Veranstaltung sein musste, um sie zu moderieren, war es zeitlich ein bisschen knapp. Ich machte mir ein wenig vorwürfe, schließlich waren wir wegen mir später losgefahren. Doch der Verkehr machte uns einen Strich durch die Rechnung. Und wir standen im Stau. Das Navi zeigte 15:45 als Ankunftszeit an, also würden wir zu spät kommen. Marco telefonierte mit Kollegen und es stellte sich heraus, dass die Speaker, die eigentlich für den Freitagabend geplant waren, im selben Stau standen wie wir, bloß noch weiter hinten. Es wurde also entschieden, die talks auf den Samstag zu legen. Wir kamen nicht rechtzeitig, aber sicher in Erlangen an, das war die Hauptsache!

 

Bevor wir zur Veranstaltung fuhren, holten wir noch etwas bei Marco zu Hause ab. Seine Frau und seine kleine Tochter begrüßten uns freudig. Marcos Frau gab mir ein Glas Wasser und wir unterhielten uns kurz in der Küche. das Mädchen war ganz aufgeregt, denn sie hatte noch nie zuvor einen blinden Menschen gesehen. Es freut mich, wenn Kinder damit „konfrontiert“ werden. Sie sind viel unbefangener als Erwachsene. Marco entschied, seine Tochter mitzunehmen. Wir fuhren also zu dritt zum Hackathon.

 

Als wir ankamen, hatte die Veranstaltung bereits begonnen, denn es war nicht mehr möglich gewesen, die Begrüßung zu verschieben. Gerade stand ein blinder Mann mit seinem Laptop auf der Bühne. Er zeigte, wie man ohne Maus navigiert und machte darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, bei Websites auf Barrierefreiheit zu achten. Dies zeigte er an einem Formular, das nicht barrierefrei gestaltet war. An einem Video demonstrierte er dann, wie schwierig es für uns blinde Personen ist, mit technischen Geräten, die nur mit einem Touchscreen ausgestattet sind, umzugehen.

Das Beispiel war eine Kaffeemaschine und natürlich fiel mir da sofort die Bedienerunfreundlichkeit der Kaffeemaschine bei Microsoft im Office ein. Diese war nämlich auch nur mit Touch zu bedienen. Nicht, dass ich Kaffee trinke, aber auch die Möglichkeit, mir einen Tee zu kochen, blieb mir mit dieser Konstruktion verwehrt.

Der Vortrag gefiel mir sehr gut. Als er geendet hatte, wurde der Mann direkt neben mich auf den freien Platz gebracht. Ich begrüßte ihn, stellte mich vor und lobte ihn für seinen tollen Vortrag. Er stellte sich als Bahadddin vor.

Auch von meiner Erfahrung mit der Kaffeemaschine im Office erzählte ich ihm. Er verstand mich natürlich sehr gut. Aber nicht nur mich hatte sein Vortrag begeistert. Wir wurden von verschiedenen Personen daraufhin zu der Bedienung von Websites, aber am allerhäufigsten bezüglich der Kaffeemaschine befragt. Dann ging Marco auf die Bühne und erzählte kurz, in welchen Räumen wir uns während des Hackathon aufhalten durften. Daraufhin folgte ein Vortrag über ChatBots. Solche Bots können mithilfe von künstlicher Intelligenz mit dem Benutzer kommunizieren. In manchen Ländern werden sie verwendet, um Geld zu überweisen.

Nach dem Vortrag gab es Chili Con Carne mit Brot zum Abendessen.

Dabei ergaben sich sehr interessante Gespräche mit Studenten der Universität Erlangen. Danach stellte sich ein Projekt aus Düsseldorf mit dem Namen PICSL vor. Das Project unterstützt Menschen, die selten oder gar nicht mit technischen Geräten in Berührung kommen, bietet Kurse und Schulungen an und programmiert Anwendungen, um das Leben für diese Personengruppe technisch zu erleichtern.

Der Gründer von PICSL und drei Mitarbeiter hielten den Vortrag. Alle Mitarbeiter hatten selbst eine Behinderung.

 

Nach und nach formierten sich die Teilnehmer zu Gruppen und schmiedeten erste Pläne für die Umsetzung von Apps oder Websites. Ich fand es ein bisschen schade, dass ich nicht programmieren konnte, denn so hätte ich ein wenig unterstützen können. Aber es wartete schon etwas anderes spannendes auf mich! Florian Thurnwald, ein Werkstudent bei Microsoft begrüßte mich. Wir hatten ein paar Wochen zuvor bezüglich der HoloLens, einer Brille, die von Microsoft entwickelt wurde, miteinander zu tun. Er hatte mir damals angeboten, die Brille zu testen. Obwohl ich keine Sehkraft habe, war es mir möglich, mit der HoloLens Geräusche zu orten. Je näher ich einem Objekt kam, desto lauter wurde der Ton.

Ich freute mich sehr, Florian zu sehen. Er erzählte mir, welche Strapazen er mit dem E-Auto auf sich nehmen musste. Es ist nämlich gar nicht so einfach, wenn man nur noch wenige Kilometer mit dem Auto zurücklegen kann, weil der Strom knapp ist und die nächste Ladestation zu weit weg.

Florian fragte, ob ich mit zur nächsten Ladestation fahren möchte.

Ich war sehr begeistert, denn mit einem Elektroauto zu fahren, wünschte ich mir schon länger.

 

Zuerst hatte ich das Gefühl, in ein normales Auto einzusteigen, aber dann, als wir los fuhren, hörte ich den Motor gar nicht. Das Gefühl, als wir schneller wurden, war atemberaubend. Es fühlte sich an, wie in einer Achterbahn zu sitzen. Einfach nur toll! wir hörten Musik, genauergesagt Flos Lieblingsband, die ich noch nie zuvor gehört hatte.

Aber ich bin sehr offen, was Musik angeht.

Dann hielten wir an der Ladestation. Wir stiegen aus und er zeigte mir, wie man das Auto an den Strom anschloss.

Jetzt hieß es 20 bis 30 Minuten warten, denn so lange braucht das Auto, um aufgeladen zu werden. Aber das machte nichts, denn wir hatten Musik und Gespräche. Als das Auto wieder mit genügend Strom versorgt war, machten wir uns auf den Rückweg.

 

Als wir wieder beim Hackathon ankamen, wurden wir schon erwartet. Alexandra und Ulli, die beiden Mitarbeiterinnen der Aktion Mensch, wollten ins Hotel fahren. Wir suchten Bahaddin. Er war mit einigen anderen in einem der Coding-Räume , tüftelte und beriet. Er arbeitet selbst als Programmierer.

Das Team hatte ein sehr spannendes Projekt: Sie wollten eine Website erstellen, die eine Plattform für Menschen mit Behinderung schafft, damit man Probleme schildern kann und Hilfsmittel auflisten, die es bereits für die Problemlösung gibt. Es sollte ein Austausch zwischen Programmierern und Menschen mit Behinderung werden. Da es aber ziemlich schwierig wäre, die Website für alle Zielgruppen barrierefrei zu gestalten, kamen sie zu dem Schluss, es vorerst für Blinde auf zu bereiten. Die Website kann dann auch stetig erweitert und auf andere Zielgruppen angepasst werden.

 

Nach diesem aufregenden Tag fuhren wir mit dem Auto zum Hotel. Alexandra brachte mich zu meinem Zimmer. Nach dem sie mich noch mal anrief, um mir zu sagen, dass sie mich am nächsten Morgen um 9:00 Uhr zum Frühstück abholen würde, ging ich ins Bett. Da ich mir leider nichts zum Schreiben mitgenommen hatte, nahm ich mir ein paar Notizen auf mein Handy auf. Wäre ja schlimm, wenn ich etwas vergesse.

 

Neue Nähe Hackathon Teil 1: Ein Hackathon für Menschen mit und ohne Behinderung

Teil 1: Ein Hackathon für Menschen mit und ohne Behinderung

Von Freitag 30.06. bis Sonntag, 02.07.2017 fand in Erlangen der zweite „Neue Nähe Hackathon“ der Aktion Mensch und Microsoft statt. Durch den Aufruf der App CUBUS, die über Veranstaltungen und Berichte für blinde und Sehbehinderte informiert,

erfuhr ich von diesem Event.

Ein Hackathon ist ein Programierwettbewerb. Spaß und ausprobieren stehen bei solchen Veranstaltungen im Vordergrund.

Die drei Sieger des „Neue Nähe Hackathon“ werden mit einem Preisgeld ausgezeichnet und sollen, wenn möglich, die Produkte im Anschluss an die Veranstaltung weiter entwickeln.

Da ich bis zum 30.06.2017 Praktikantin bei Microsoft war, kontaktierte ich gleich Astrid Auperle, die als Ansprechpartnerin für interessierte angegeben wurde.

Sie ist für soziales Engagement bei Microsoft zuständig.

Nach kurzem Mail-Austausch leitete sie mich an Marco Richardson weiter, der an dem Hackathon teilnehmen würde. In einem kurzen Gespräch erzählte er mir dann vom ersten „Neue Nähe“ Hackathon, der im Dezember 2016 in Berlin stattfand. Bereits im März erfuhr ich durch meinen Manager des Teams, in dem ich während des Praktikums war, von diesem Event.

Ich sah mir Videos von den Ergebnissen des letzten Hackathon an.

 

Marco versprach mir, sich mit der Aktion Mensch in Verbindung zu setzen, um den Aufenthalt in Erlangen während der drei Tage für mich zu organisieren. Eine Woche nach diesem Gespräch trafen wir uns wieder, um alles organisatorische zu klären. Wir würden gemeinsam vom Microsoft Office München nach Erlangen fahren. Ein Hotelzimmer wurde auch organisiert. Die gesamten Kosten übernahm die Aktion Mensch.

Das Abenteuer konnte beginnen!

 

 

Die Teppich Taufe

An einem schönen, sonnigen Sonntag war die ganze Familie beisammen. Meine Schwester mit ihrem Sohn, meine andere Schwester, unsere Eltern und ich. Meine Mutter hatte kürzlich einen neuen Teppich gekauft und ihn am Vortag in unser Esszimmer gelegt. Wir saßen am Tisch und mein kleiner Neffe, neugierig und groß wie er schon war, wollte Wasser aus einer normalen Flasche trinken. Das ging auch eine Zeit lang ganz gut, irgendwann jedoch ,ging etwas daneben. Genau auf den neuen Teppich. Es war nicht schlimm, da es nur Wasser war, und so wurde der Teppich von meinem nun schon 1 ½-jährigen Neffen, getauft. Nur einen Namen hat das gute Stück noch nicht. Den dürfen sich meine Leserinnen und Leser gerne aussuchen. Ich bin gespannt und freue mich auf eure Vorschläge.

 

Bahnhof Poetry

Vor kurzem fuhr ich, gemeinsam mit meinem Vater, meinen Freund zum Bahnhof. Dort angekommen mussten wir ein wenig auf den Zug warten. Da war ein Mann, der herumlief und unentwegt einen Text rezitierte. Es hörte sich an, wie eine Predigt einer Sekte oder mittelalterlich wirkenden Religion, oder irgendetwas anderes, was mit dem Mittelalter zu tun hat. Mein Vater beschrieb, dass er ganz schwarz angezogen war und einen Koffer und einen Bilderrahmen bei sich trug. Mir machte das echt Angst. ich dachte, dass er sich jeden Augenblick auf die Schienen werfen würde. Er sagte auch etwas von „Gesindel“. Entweder waren wir, die über ihn redeten damit gemeint, oder es gehörte zu seinem Stück. Eine Frau, die ebenfalls am Bahnsteig wartete, erklärte uns, dass der Mann ein Schauspieler sei öfter am Bahnhof wäre, meistens mit der S-Bahn führe und normalerweise bunt angezogen war. Okay, dachte ich! Der ist völlig ungefährlich. Möchte nur seinen Text üben,

aber kann man das dann nicht irgendwo anders tun? Still für sich?

Ich erzählte Freunden von dieser Begegnung. Viele sagten, dass es mutig von ihm ist, sich dort hin zu stellen und zu rezitieren. Im Nachhinein betrachtet finde ich das auch. Ganz ehrlich schäme ich mich auch etwas dafür, nicht tolerant gewesen zu sein und mich sogar ein bisschen gegruselt zu haben.

Es war für mich einfach neu. Wenn das in Zukunft öfter vorkommen würde, zum Beispiel mit einem Bahnhof-Poetry-Slam, dann wäre das auch überhaupt nichts Besonderes mehr.

Genauso ist das mit der Inklusion. Je öfter Menschen mit Behinderung in den Alltag von Menschen ohne eine Einschränkung integriert werden, desto weniger ungewohnt ist das dann auch!

Ich habe wirklich ein bisschen an mir und meiner Toleranz gezweifelt!

Schließlich möchte ich selbst akzeptiert und toleriert werden.

Also möchte ich im Gegenzug andere Menschen ebenso akzeptieren! Das tue ich meistens auch, aber da ich auf dem Bahnhof die Situation überhaupt nicht einschätzen konnte, war es für mich befremdlich.

Im Nachhinein fände ich es toll, wenn es öfter Menschen gäbe, die Texte rezitieren. Es würde die Wartezeit auf die nächste Bahn netter gestalten.

Aber vielleicht bleibt das auch erst mal eine Einzigartigkeit, die aber dennoch akzeptiert werden sollte.

Ich wünsche dem Mann alles Gute und hoffe, dass ihm das üben auf dem Bahnhof geholfen hat!

 

Geht es dir wieder besser? … Ging es mir jemals schlecht?

Heute hatten wir Besuch von einem Bekannten. Wir haben ihn schon eine längere Zeit nicht mehr gesehen. er fragte mich: „Geht es dir wieder besser?“. Ich war etwas verwirrt, habe aber dann gemerkt, dass er meine Blindheit meint. Es war sicher nicht böswillig gemeint. ER hatte sich einfach interessehalber erkundigt, aber diese Frage führt zu einem Thema, über das ich gerne schon längere Zeit schreiben würde.

 

Es wird oft unterschieden zwischen Gesunden und Behinderten.

Diese Unterscheidung wird auch oft von den Personen mit Behinderung selbst getroffen.

 

Aber warum?

 

Wenn man ein Handicap hat, ist man doch nicht gleichzeitig krank… oder etwa doch?

 

Und meine Antwort dazu lautet: Definitiv nein!

 

Krank ist man, wenn man eine Grippe oder etwas schlimmeres wie beispielsweise Krebs hat.

 

Aber eine Behinderung hat nichts damit zu tun!

Man leidet nicht darunter.

Man ist auch nicht jeden Tag deprimiert darüber, weil das Schicksal einen dazu verdonnert hat!

Für die Person muss auch nicht gebetet werden, damit die Behinderung wieder weg geht!

Man will nicht unbedingt etwas verbessern, selbst, wenn die Medizin es möglich machen würde. Bei dieser Ausssage ist zu beachten, dass es natürlich trotzdem Menschen gibt, die sich wünschen, ein Leben ohne Behinderung zu führen!

Man ist nicht besonderer als andere.

Man findet sich damit ab, lebt damit und zwar nicht unbedingt im Nachteil!

Man hat einige Vorteile. Und auch Menschen ohne eine Einschränkung profitieren von diesen Vorteilen. Beispielsweise, wenn es darum geht, gemeinsam die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, ein Besuch im Kino usw.

 

Es sind nur einige Beispiele, die beweisen, dass wir nicht krank sind!

 

Wir leben genauso gerne wie Menschen ohne Behinderung.

 

Und es gibt nicht den Unterschied zwischen Behindert und gesund!

Das Gegenteil von Gesund ist, soweit ich es gelernt habe, krank!

Folge dessen kann das Gegenteil von Gesund nicht gleichzeitig behindert sein!

 

Vielleicht seht ihr das anders, vielleicht aber auch genauso? Lasst es mich gerne wissen!